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[William Wordsworth]
Das Ziel des Schreibens ist es, andere sehen zu machen.
[J. Conrad]

Distance - Einsicht

 

Ich weiß nicht mehr, wie viel ich an diesem Abend getrunken hatte.
Meine Freundin hatte mir einen seltsamen Mix angedreht, aber ich konnte nicht herausschmecken, was alles in dem Gesöff drin war. Wahrscheinlich ein bisschen von allem, dachte ich. Als ich fragte, grinste sie nur.
Schon nach wenigen Schlücken war ich ziemlich weg. Es schmeckte widerlich, aber ich weigerte mich standhaft, das Glas aus den Händen zu geben, bevor ich nicht alles aufgetrunken hatte.
Ein Zeichen dafür, welch vernichtende Wirkung es auf mich hatte, denn dass es an meiner guten Erziehung lag, bezweifelte ich doch sehr stark.
Zumindest im Nachhinein.

Viel schlimmer als dieses undefinierbare Getränk war aber die Tatsache, dass ER auch auf dieser Feier war.

Ich hatte es ja schon irgendwie geahnt, um nicht zu sagen, sogar herbeigesehnt, aber als er den Raum betrat, sank mein Herz natürlich mal wieder in die Hose und ich konnte mich nur an meinem Cola-Glas festhalten. Ja, tatsächlich. Zu Beginn hatte ich nur Cola getrunken, aber kaum taucht er auf - na ja. Da musste was Härteres her.

Nicht, dass ich dieser Typ Mensch wäre - ich hoffte einfach nur, nicht mehr so schrecklich zurückhaltend und nervös zu sein in seiner Nähe. Also her mit dem Zeug, alles, was mich dazu bringen kann, auch nur einen einzigen Laut aus meinem Mund herauszubringen.
Aber ich hatte mich verkalkuliert. Wie so oft.

Oh nein, bitte nicht falsch verstehen. Der Alkohol tat tatsächlich seine Wirkung.
Ich bin durch die Menge gewuselt, hatte mich mit jedem unterhalten, sogar mit solchen, mit denen ich in der Schule nichts zu tun hatte. Ich war irgendwie überall und nirgendwo, von jedem bekam ich etwas mit, aber ich konnte mir im Nachhinein nichts merken.
Hatte ich doch nur einen Gedanken im Kopf.
Leider ignorierte mich dieser "Gedanke". Und ich konnte es ihm nicht einmal verdenken.

Meine supergesellige Stimmung hielt nicht lange an, denn schon bald erinnerte ich mich nur lückenhaft an das, was so passierte.
Irgendwann fand ich mich in einer anderen Ecke des Raumes wieder, mit einem Bierglas in der Hand. Ich blickte das Getränk ganz überrascht an und stellte meiner Freundin die Frage, die sie wohl gerade mir stellen wollte: wessen Bier hielt ich da eigentlich in der Hand?
Nachdem keiner von uns die Antwort wusste, zuckte ich mit den Schultern und trank mit einer atemberaubenden Gleichgültigkeit, die ich wirklich nicht wieder zurückhaben möchte, das Glas aus.
Einen Augenblick später stand ich plötzlich auf der Straße, alleine, denn ich hatte, aus welchen unvernünftigen, alkoholverseuchten Gründen auch immer, meine Freundin ohne mich nach Hause fahren lassen.

Zur Hölle noch einmal, was hatte ich mir nur dabei gedacht? Zur meiner eigenen Schande muss ich gestehen - ich hatte Hintergedanken. Aber so wild darauf, mich auch noch nach Hause zu kutschieren, war sie sowieso nicht gewesen, redete ich mir ein.
Also trottete ich - halbwegs aufrecht - zu der nächstbesten Person, die mir auch sofort versicherte, sie werde jemanden auftreiben, der mich nach Hause fährt.
Zuversichtlich setzte ich mich in den lauten, verdunkelten Raum, wo Lichter blitzen und Menschen zu der ohrenbetäubenden Musik tanzten, auf eine weiche, durchgesessene Couch - wahrscheinlich vom Sperrmüll - und dachte überhaupt nicht nach.

Ich meine, manche Leute würden behaupten, sie überlegten eine Weile, hingen ihren Gedanken nach... Aber ich saß nur da und starrte fasziniert in die farbigen Lichtblitze, ließ sie auf mich einwirken und hatte überhaupt keine Ahnung, was mit mir geschehen war oder was noch auf mich zukommen würde.
Von einer Sekunde auf die andere tauchte aus dem Nebel um mich herum eine Gestalt auf. Ich konnte sie nicht klar erkennen, aber ich wusste genau, wer es war.
Er stand vor mir und streckte mir die Hand entgegen und ich ließ es mir natürlich nicht zweimal sagen, sondern ließ mich von ihm aus dem Raum geleiten.
Wortlos folgte ich ihm zu seinem Auto und traute mich kaum, die umherstehenden Personen anzuschauen und mich zu verabschieden, denn ich befürchtete, ich würde sie glücklich angrinsen und mein ganzes Geheimnis würde auffliegen!
Dieses Mal hielt er mir nicht die Tür auf, aber das war nicht sonderlich schlimm.
Ich setzte mich auf den Beifahrersitz, er startete den Motor und setzte den Wagen in Gang. Parkte galant aus und fuhr langsam aus dem kleinen Dörfchen auf die Landstraße, Richtung Zuhause. Mein Zuhause, versteht sich.

Als hätte der Nebel, der im Tanzraum von der Nebelmaschine verursacht wurde, sich in meinem Kopf festgesetzt, schaute ich gedankenverloren aus dem Fenster und konnte nicht wirklich klar denken. Könnte natürlich auch an dem Alkohol und dem tödlichen Mix liegen, mit dem alles seinen Anfang genommen hatte.
Die Gedanken, die sich in meinen Kopf schlichen, zeugten jedenfalls nicht von allzu großer Vernunft.
Was da vor sich ging, war eher der Anfang vom Weltuntergang, verpackt in buntem Papier, mit Luftschlangen und Luftballons dekoriert. Der Alkohol machte einem wirklich die noch so dümmste Idee richtig schmackhaft.
Erschreckend.

Eine Viertelstunde saß ich in diesem Auto und fantasierte mir alles mögliche zusammen.
Er sagte nichts. Ich sagte nichts.
Wir schwiegen beide, unfähig, das, was zwischen uns vorgefallen war, zu vergessen.

Ich weiß nicht, warum er nichts sagte. Vielleicht wusste er nichts zu sagen, oder er war sich nicht sicher, ob ich ihn überhaupt sprechen hören wollte.
Was für ein Narr!

Ich weiß, warum ich nichts sagte. Ich wusste nichts zu sagen und ich war mir nicht sicher, ob er mich überhaupt sprechen hören wollte.

Es war so viel gewesen, so viel. Und ich konnte nicht über meinen Schatten springen und es alles begraben, so, wie man es eigentlich hätte machen sollen. Müssen.
Aber ich hing noch daran und konnte es nicht hinter mir lassen und genauso, wie es an mir haftete, hatte ich auch das Gefühl, dass er, jedes Mal, wenn er mich sah, auch daran dachte.
Es war wie die Pest und gegen die war man bekanntlich machtlos.

Aber da saßen wir nun und er, der er immer einen lockeren Spruch auf den Lippen hatte und über alles reden konnte - einfach nur reden - schwieg. Ich hatte ihn selten schweigen gehört und das Schweigen beunruhigte mich zutiefst, doch war ich ebenso feige, diese Barriere zu überqueren und dem ein Ende zu setzen.
Außerdem war ich noch nie der sonderlich kommunikative Typ gewesen. Zumindest nicht in seiner Nähe.

Es war, als oh man mir, jedes Mal, wenn er auftauchte, den Mund mit Nadel und Faden zunähte. Keine schöne Vorstellung. Kein schönes Gefühl.
Aber ich war betrunken. Ich war voller miesem Gesöff und voller kunterbunter Ideen.
Zudem war ich voller Reue. Wenn der Alkohol-Mix meiner Freundin schon tödlich war, dann war die Kombination aus diesen drei Sachen der absolut Griff ins Klo.

Er hielt auf dem Parkplatz von dem Haus und hatte, wie letztes Mal, sogar die Güte, mich bis zur Tür zu begleiten.
Er sah mich an, verabschiedete sich und wollte mir gerade den Rücken kehren, als das, was ich im Auto schon die ganze Zeit gedacht hatte, aus mir herausbrach.

Ich musste es ihm sagen.

Ich griff also geistesgegenwärtig nach seinem Ärmel und hielt ihn fest, bevor er wieder in die kalte Oktobernacht hinausspazieren konnte. Er stand bereits in der Tür, hielt sie offen.
"Warte", bat ich ihn, zum ersten Mal seit langer Zeit wieder meine eigene Stimme hörend.

Er drehte sich halb belustigt, halb genervt wieder zu mir um. Ich glaube, er wusste schon, was jetzt kam. Wenn auch nicht ganz.

"Es tut mir leid. Ich hab alles kaputtgemacht... Ich hätte es dir nie sagen sollen!", entschuldigte ich mich, ehrlich und aufrichtig und betrunken. Kam es mir nur so vor, oder schwankte der Eingangsbereich beachtlich hin und her? Bevor ich dieser Tatsache noch weiter nachgehen konnte, machte er sich lieblos von mir los und bedachte mich mit einem verächtlichen Blick, den ich erst im Nachhinein als solchen habe interpretieren können.

"Du bist betrunken", stellte er treffsicher fest und fügte hinzu: "Geh schlafen."
Ich sah ihn verständnislos an, denn ich konnte seine Worte irgendwie nicht verarbeiten. Sie hatten nichts damit zu tun, was ich gerade gesagt hatte!
"Ich mein es ernst", sagte ich mit aller Überzeugungskraft, die man mit alkoholverseuchtem Blut aufbringen konnte und schaute ihn, wie ich hoffte, glaubwürdig an, aber der Raum schwankte immer noch bedächtig und es war interessant, zu verfolgen, in welche Richtung er sich als nächstes bewegen würde...

Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten, doch war sie wieder anders, als erwartet.
"Ja und?", wollte er wissen, sein kalter Tonfall war wie ein Schlag ins Gesicht. "Soll ich dir jetzt eine zweite Chance geben oder was?"
Selbst in dem nicht mehr ganz zurechnungsfähigem Zustand, in dem ich mich befand, konnte ich die Spur Häme, den Spott heraushören, doch anscheinend hatte der Gute da etwas falsch verstanden.

Irritiert und etwas geschockt über seine Interpretation der Sachlage, runzelte ich die Stirn und brachte es fertig, ein ehrlich verwirrtes "Nein!" zu rufen.
Anscheinend nicht aus der Ruhe gebracht, da er immer noch fest glaubte, im Recht zu sein, blickte er mich geduldig an, aber eine Welle der Resignation überrollte mich.
Was brachte es, mich bei jemandem zu entschuldigen, der nicht einmal den Grund dafür verstand?

Ich glaube, mein Blick landete irgendwann auf dem Boden, der erstaunlich still stand. Das einzig Konstante in diesem Raum. Und ich ließ seinen Ärmel wieder los, nach dem ich wieder gegriffen hatte, als ich ein zweites Mal mit meiner Überzeugungsarbeit angefangen habe.

Es gab nichts, was festgehalten werden konnte.

"Vergiss es", murmelte ich, endlich begreifend, dass es nicht nötig war, ihm etwas zu erklären, da er seine Sicht der Dinge hatte und heute nicht der Tag war, um diese von Grund auf umzukrempeln. Sollte es doch jemand anderes tun.

"Ist auch besser so", erwiderte er abweisend und spazierte endlich in die kühle Nachtluft.

Ich sah ihm noch nach, doch er drehte sich nicht mehr um.
Mit dem Gefühl, gerade so vieles verloren zu haben, ließ ich mich erschöpft an der Wand niedersinken und ließ meinen Tränen nach so langer Zeit endlich freien Lauf... 




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