Grafik mit Bildern
Fill your
paper with the breathings
of your heart ♥
[William Wordsworth]
Das Ziel des Schreibens ist es, andere sehen zu machen.
[J. Conrad]

Illusion - Wunschdenken

 

Ich sitze auf meinem Platz. In der großen Halle. Die Aufführung hat noch nicht angefangen und du sitzt drei Reihen vor mir.

Ich rede nicht mit dir und du nicht mit mir. Wir ignorieren uns gegenseitig, tun so, als kennen wir uns nicht. Dabei kenne ich dich sehr gut und du weißt wahrscheinlich mehr über mich, als mir lieb ist.

Wenn ich nur wüsste, was in deinem Kopf vorgeht.

Ich sinke tiefer in meinen Sitz hinein, die Halle ist noch fast leer. Es dauert noch eine Zeit, bis es los geht.
Hinter uns geht die Tür auf und plötzlich, für einen kurzen Moment, zieht ein Luftzug durch den Saal.
Ich drehe mich um und kann aus den Augenwinkeln sehen, dass du dich auch umdrehst.

Da steht sie, in der Tür. Ich habe die ganze Zeit auf sie gewartet. Ich habe so sehr gehofft, dass sie kommt.

Sie schaut sich kurz um, erblickt dich. Ein kühles Lächeln huscht über ihre Lippen. Nur für den Bruchteil einer Sekunde.

Sie sieht gut aus, atemberaubend. Umwerfend.

So, wie es sein sollte.

Nichts an ihrer Haltung verrät Unsicherheit, nichts signalisiert dir, wie sehr du sie einmal verletzt hast. Wie ein unerschütterlicher Fels in der Brandung steht sie da. Über allem.

Über dir.

Ich schaue bewundernd zu ihr hin.

Mit einem emotionslosen Gesichtsausdruck wendest du dich ab. Niemals würdest du zugeben, dass du beeindruckt bist.
Aber ich kenne dich gut genug, um es auch so zu merken.

Sie schreitet die kleine Treppe hinunter und geht durch die Reihen. Ich beobachte sie neugierig.

Sie setzt sich unweit von dir auf ihren Platz, ich beuge mich nach vorne, um besser sehen zu können.

Du zuckst nicht mit der Wimper.

Du tust so, als würdest du sie nicht kennen, doch ich weiß, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis du eine Gemeinheit in ihre Richtung wirfst.

Ich weiß auch, dass sie sie gekonnt parieren wird. Und das wird dich zur Weisglut bringen.

Ich muss unwillkürlich lächeln. Deine Augen hingegen blicken starr, kalt, geradeaus. Ich weiß es, auch ohne es zu sehen.

Ihr unterhaltet euch mit euren gemeinsamen Freunden. Sie ist nicht zurückhaltend, wie früher. Sie beteiligt sich rege an dem Gespräch, nimmt kein Blatt vor den Mund. Keine Rücksicht.

Du bist ein wenig irritiert, musterst sie genau. Heimlich. So kennst du sie gar nicht.
Dachtest du wirklich, Menschen können sich nicht ändern?

Ich amüsiere mich wirklich. Du beobachtest sie aus den Augenwinkeln, bist verstört und beeindruckt zugleich, nicht wahr?

Ich weiß was du denkst. Ist das alles nur Show? Oder hast du einen Fehler gemacht?
Damals.

Ich bin erleichtert. Endlich kann sie in deiner Gegenwart sie selbst sein. Ich freue mich für sie und, wenn ich ehrlich bin, bin ich sogar schadenfroh.
Das hättest du nicht gedacht, was?, lache ich in mich hinein und grinse vor mich hin.
So viel Macht hast du nicht.

Und es war nie richtig, dir so viel Macht einzuräumen.

Zufrieden lehne ich mich zurück und sie tut es auch. Entspannt sitzt sie da, auf ihrem Platz, neben dir, und ist so locker wie nie zuvor. Sogar mit dir geht sie ganz souverän um, als wäre nie etwas gewesen. Als hättest du niemals diese erbärmliche Show abgezogen. Und als wäre sie nie so unglaublich wütend auf dich gewesen.

Du bist sichtlich irritiert, hast du doch zumindest einen verächtlichen Blick oder einen scharfen Kommentar erwartet, doch nichts davon passiert.

Ein bisschen behandelt sie dich von oben herab, als seiest du es nicht wert.

Und das warst du ja auch nicht.

Und es gefällt dir nicht.

Du wolltest schon immer derjenige sein, der über andere richtet und ihnen das Gefühl von Minderwertigkeit gibt.

Und dass es jetzt anders ist, passt dir nicht.

Du verziehst unmerklich das Gesicht. Weil du merkst, dass die Rollen langsam vertauscht werden. Weil du es nicht magst, in den Hintergrund geschoben werden. Nicht angehimmelt zu werden. Nicht derjenige zu sein, der anderen dieses Gefühl vermittelt, das sie dir gerade vermittelt.

Ich sehe zu, wie sie in die Runde lächelt und dabei deinem Blick begegnet. Sie hält ihm stand, ohne ihre Fröhlichkeit zu verlieren. Sie schneidet dir keine Grimasse, obwohl ich weiß, dass sie das gerne tun würde.
Stattdessen streift sie dich mit einem flüchtigen, überlegenen Lächeln und wirft ihr Haar gekonnt zurück, bevor sie sich wieder den anderen zuwendet und dich links liegen lässt.

Du versuchst, dir nichts anmerken zu lassen. Und doch weiß ich, dass dich das noch eine ganze Weile beschäftigen wird.
So bist du nun einmal.

Ich lächele selig und schließe die Augen.

Als ich sie wieder aufmache, ist sie verschwunden.

Und ich, ich sitze immer noch drei Reihen hinter dir und tue so, als würde ich dich nicht kennen.

Und du, du machst es mir nach. 



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