Grafik mit Bildern
Fill your
paper with the breathings
of your heart ♥
[William Wordsworth]
Das Ziel des Schreibens ist es, andere sehen zu machen.
[J. Conrad]

That Moment - Vergänglichkeit


Sie gab mir das Gefühl, an allem Schuld zu sein. Dass wir jetzt fahren mussten, euch verlassen.
Dabei wäre ich so gerne länger geblieben. Wir bleiben immer länger und du wünschst dir jedes Mal auf's Neue, dass wir nie fahren, aber so einfach ist es leider nicht und du kennst genau den Grund dafür.
Ich will schon gar nicht mehr mit ihnen kommen, aber nur wegen euch bin ich dennoch hier. Und am Abend muss ich mich dann mit ihnen herumschlagen.

Vorhin bist du zu mir gekommen, als ich gerade ferngesehen habe. Du sagtest wie immer, wie schön es wäre, wenn wir blieben und ich gab dir die Antwort, die sich schon in meinem Gedächtnis eingebrannt hatte: es geht ja nicht.
Es ging ja nie, nie ging irgendwas. Warum eigentlich? Nächstes Mal werde ich einfach dablieben und sie sollen schauen, wie sie ohne mich zurechtkommen.

Ich seh dich viel zu selten, dabei bist du mir so wichtig. Du und Opa.
Ich erinnere mich daran, wie es früher war, als ich noch klein war.
Ich war so gerne bei euch, am liebsten tagelang und von jeher wart ihr zwei bei mir immer an erster Stelle.

Mit der Zeit haben sich viele Dinge geändert und ich bin nicht mehr so oft bei euch. Habe Dinge zu erledigen, Sachen zu tun, bin ständig mal hier, mal da, und nie lange an einem Platz. Dabei gibt es doch diesen einen Ort, an dem ich so gerne länger wäre.
Dort, wo ich wieder ein bisschen in der Kindheit schwelgen kann.
Vielleicht ohne, dass jemand mich nachher wieder zum Fahren zwingt.

Du sagtest: das nächste Mal bleibst du einfach und sie werden nichts dagegen tun können und ich habe gelacht, genau wissend, dass es nicht funktionieren wird, und sagte gleichmütig: na klar.
Dann hast du mich an dich gedrückt und wir standen weiter am Fenster und haben in den Garten hinausgeguckt, während du mir erklärt hast, was für neue Bäume du eingepflanzt hast.
Einen Kirschbaum und einen Birnenbaum und noch einen Brombeerstrauch.

Aber dann kam sie und hat mir am allem die Schuld gegeben.
Dabei habe ich ihr nur gesagt, was sie wissen wollte. Und ich war nicht einmal wütend oder aufgebracht, nein, ich war ganz ruhig und habe mit ihr geredet wie immer.
Ich habe ihr die Wahrheit gesagt, aber ich hätte vorher wissen sollen, dass sie sie nicht verträgt. Ich wusste es auch vorher, aber ich dachte, dieses Mal wäre es anders... ich denke ständig, dass es "dieses Mal" anders sein wird...

Wir fahren, sagte sie. Packt eure Sachen.

Schuldbewusst trotte ich jetzt aus der Tür und werfe Opa einen letzten Blick zu. In seiner beigen Jacke und mit der Brille auf der Nase lächelt er mir wohlwollend zu und nickt und mich überkommt das starke Bedürfnis, einfach dazubleiben, bei euch.
Bevor es mich überwältigen kann, trete ich an die frische Luft und schlendere langsam hinter ihnen her. Du gehst neben mir, schweigend.

Sie verschwinden um die Ecke und ich seufze. Es war die Ruhe vor dem Sturm und trotzdem war es einfacher für mich, wenn sie nicht in der Nähe waren.
Ich werfe dir einen Seitenblick zu und du erwiderst ihn im selben Augenblick und merkwürdigerweise bleiben wir beide stehen.
Du siehst mich an und in deinem Blick spiegelt sich der Meinige wider.

Und obwohl dir niemand etwas über den Grund des übereilten Abschieds gesagt hat, weiß ich, dass du es weißt.
Wie könntest du auch nicht? Du, die durch mich hindurchsieht wie durch eine klare Glasscheibe.
Ich lächele bedauernd und du lächelst zurück und seufzt, weil du genau weißt, was los ist und was los sein wird, was mich erwartet und warum es Streit gibt.
Weil du dich über genau dieselben Dinge ärgerst wie ich und weil du es auch nicht anders gemacht hättest, wenn du das Recht dazu gehabt hättest.

Eine Sekunde lang sehen wir uns an, eine Sekunde, in der ich weiß, was du weißt und du weißt, was ich weiß.
Die Sekunde, ich der meine Gedanken deine sind und deine sind meine.
Und die Sekunde, in der ich mehr denn je bei euch bleiben will, in der mir bewusst wird, dass unsere Zeit nicht ewig dauernd wird und wir alle nicht genug von ihr bekommen können. Und nicht werden.

Und irgendwann werde ich bittere Tränen vergießen, dass ich mir nicht mehr Zeit genommen habe, um bei euch zu sein, dass ich lieber hier und dort war, anstatt bei euch, der Stätte der Ruhe.
Die Ruhe, die ich so dringend nötig habe, die ich so vermisse und die ich brauche.
Einfach mal weg sein und trotzdem da sein.

Wir setzen uns wieder in Bewegung, langsam, nur widerwillig.
Du willst nicht, dass ich schon fahre. Und ich will nicht weg von euch.
Als ich ins Auto steige, schaue ich mich noch einmal nach dir um.

Die Falten in deinem Gesicht sprechen eine eindeutige Sprache. Über deine Krankheit weiß ich Bescheid, doch ich bin Meister im Verdrängen und Ignorieren und will nicht wahrhaben, was alle sagen. Ich tue einfach so, als sei alles in Ordnung. Als hätten wir noch mein Leben lang Zeit.
Doch ich vergesse oft, dass mein Leben lang nicht dein Leben lang ist. Dass Zeit begrenzt ist, dass man sie sich nehmen muss, wenn man sie haben will.

Und vielleicht vergesse ich hin und wieder, was wichtig ist, obwohl ich das nicht tun sollte.
In Momenten wie diesen, wenn du mich anschaust und ich weiß, dass wir dasselbe denken, erinnere ich mich wieder daran.
Was würde ich nur ohne euch machen - ohne euch, das ist kein Leben.

Das nächste Mal werde ich einfach bleiben.

Versprochen.



Gratis bloggen bei
myblog.de