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[William Wordsworth]
Das Ziel des Schreibens ist es, andere sehen zu machen.
[J. Conrad]

We've Never Danced - Abschied

 

Da sitzt sie.

In diesem riesengroßen, hübsch geschmückten Saal, an der offenen Tür, durch die ein bisschen frische Nachtluft hereindringt, auf einem Stuhl.

Ihre Füße tun weh.
Sie muss schon seit Stunden in den schwarzen Schuhen herumlaufen und hatte bis jetzt noch keine Pause.
Und sie tun ihr weh vom vielen Tanzen.
Oder nicht so vielem Tanzen, sie weiß es nicht mehr, hat nicht mitgezählt, irgendwann die Orientierung verloren.

Aber jetzt sitzt sie da, in ihrem prachtvollen, hellblauen Ballkleid und spürt, wie die Taubheit ihre Beine hoch kriecht. Sie hat auch die Uhrzeit aus den Augen verloren, doch ist es bereits weit nach Mitternacht und höchstwahrscheinlich geht es auf die Morgenstunden zu.

Sie lässt gleichmütig den Blick durch den Raum schweifen und beobachtet die – mittlerweile - kleine tanzende Gruppe auf der Tanzfläche. Die Tische und Stühle sind teilweise leer, viele sind bereits nach Hause gegangen, liegen nun bestimmt schon im Bett und schlafen.

Sie weiß nicht, warum sie hier sitzt, so ganz alleine auf dem Stuhl, abseits der lachenden Menge, an der Nebentür. Hinter ihr, draußen, hört sie Stimmen.
Ihr wohlbekannte Stimmen. Eine Gruppe von Leuten hat sich mit einigen Stühlen auf den Parkplatz verzogen und machen nun einige lahme Witzchen, sie alle sind erschöpft und müde und wollen schlafen.
Sie auch.

Aber sie kann nicht weg. Sie kann nicht weggehen, bevor Er sie nicht endlich ein erstes und letztes Mal zum Tanzen auffordert.
Sie hat Ihn fest im Blick, die ganze Zeit und sie sitzt auf diesem Stuhl und wartet darauf, dass Er in ihre Richtung kommt.
Er tut es aber nicht. Er kommt nicht. Er sieht sie nicht an. Hin und wieder verschwindet Er aus ihrem Blickfeld, aber ihr geübtes Auge fängt Ihn schnell wieder ein.
Und auch, wenn sie sich zwingt, nicht mehr auf Ihn zu achten, so bringt ein innerer Zwang sie doch noch dazu. Immer wieder.
Sie ist so müde. Sie kann einfach nicht weggucken, nie. Und sie will nicht mehr sehen, was sie schon alles gesehen hat, wenn sie Ihn angesehen hat.
Immer in der Hoffnung, Er möge ihren Blick erwidern.
Aber das tut er nicht.

Und sie ist so voller Märchen.

Es ist niemand um sie herum, sie ist so wundervoll alleine und Er sitzt am anderen Ende des Raumes, auch so wundervoll alleine und niemand ist um Ihn herum.
Es wäre eine wundervolle Gelegenheit, aufzustehen, zu ihr hinzugehen und sie zum Tanzen aufzufordern. Niemand würde es bemerken, niemand würde dem Beachtung schenken. Niemand würde es jemals wissen.

Deswegen. Sie weiß, warum sie hier sitzt, so ganz alleine auf dem Stuhl.

Aber Er steht nicht auf, Er bleibt sitzen, Er guckt weg.

Und sie bleibt auch sitzen. Sie sitzt und wartet und hofft auf ein Wunder.
Hofft darauf, dass an diesem besonderen Tag etwas Besonderes passieren wird. Das besondere Etwas, und wenn auch nur für die Dauer eines Liedes.

Würde Er doch nur mit ihr tanzen, dann könnte sie Ihm endlich "Leb Wohl" sagen, denn alles, was dazu fehlt, ist dieser eine, erste und letzte Tanz.

Sie betrachtet ihre Schuhspitzen, während sie wehmütig darüber nachdenkt, was es bedeutet, sich zu verabschieden und warum es so wichtig ist, sich richtig zu verabschieden.

Da steht er plötzlich vor ihr und greift nach ihrer Hand. Doch als sie den Blick hebt, ist es ein anderer er. Jemand, mit dem sie nicht gerechnet hat.

Er lacht und zieht sie auf die Tanzfläche und sie tanzen zusammen und für einen kurzen Augenblick vergisst sie, dass dieser er nicht der richtige Er ist. Dass sie sich von diesem er nicht verabschieden kann, wie sie es gerne würde.

Als er sie herumwirbelt und sie dabei lacht, entdeckt sie Ihn ebenfalls auf der Tanzfläche. Für einen kurzen Augenblick treffen sich ihre Blicke und Er lässt seine Tanzpartnerin los und verlässt mit wütendem Gesicht die Tanzfläche.
Schnell schreitet Er dahin, fort von dem Gemenge, in dem die jungen Männer die Mädchen im Kreis herumwirbeln und Gelächter ertönt.
So manch einer singt laut die Melodie mit, sie hat das Gefühl, sie sieht die glitzernden, bunten Kleider wie Sternschnuppen an sich vorbeirauschen.

Sie läuft Ihm nicht nach.
Sie tanzt weiter. Bis das Lied zu Ende ist. Dann geht sie wieder zurück auf ihren Stuhl. Schaut sich um.
Doch Er ist nicht mehr da. Nicht mehr im Saal aufzufinden.

Sie zieht die Schuhe aus und steht zum ersten Mal seit mehreren von Stunden auf ihren Füßen. Jetzt spürt sie erst den richtigen Schmerz, der die Taubheit verdrängt.

Die Stimmen von draußen werden wieder hereingeweht und sie flüchtet langsam, mit einem letzten Blick, aus dem Raum, zu der Gruppe auf dem Parkplatz.
Gesellt sich zu ihnen. Sie sind allesamt müde und unglücklich, das kann sie ihnen ansehen. Sie ist auch unglücklich.
Die Morgendämmerung hat bereits eingesetzt und mit dem Licht kommt auch der Schmerz.
Doch sie lachen zusammen und machen lahme Witzchen. Weil sie erschöpft sind und schlafen wollen.

Er hat sie nicht zum Tanzen aufgefordert.
Nach all der Zeit hat Er es nicht getan. Sie hat so fest damit gerechnet, sie hat daran geglaubt, sie war sich so sicher. Sie war sich so sicher, endlich mit Ihm tanzen zu können.
Zum ersten und zum letzten Mal in ihrem Leben.

Es wäre ein bedeutungsvoller Tanz geworden, es wäre der Anfang und das Ende von etwas. Sie hätten nicht miteinander gesprochen, sie hätten geschwiegen und getanzt und am Ende hätten sie nichts zueinander gesagt, wären einfach nur auseinandergegangen.

Er war es ihr schuldig.

Und sie wäre fähig, Ihn gehen zu lassen.
Und sie wäre voller Würde auf den schmerzverursachenden Schuhen nach Hause gegangen.

Und vielleicht hätte sie zu Hause ein bisschen geweint, aber sie würde wissen, dass nun etwas anderes auf sie wartet.

Sie wäre weitergegangen.

Sie war so voller Märchen.
Voller Hoffnung.

So naiv.

Aber nun steht sie barfuss auf dem Parkplatz, unglücklich und müde und lachend, und muss gehen, ohne sich verabschiedet zu haben.


Warum hast du sie nicht gefragt?

Warum warst du nicht fähig, zu gehen?



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