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Fill your
paper with the breathings
of your heart ♥
[William Wordsworth]
Das Ziel des Schreibens ist es, andere sehen zu machen.
[J. Conrad]

Times Apart - Vergangenheit

 

Ich wünschte, du könntest mich jetzt sehen.
Du, die du in deinem Klassenraum sitzt und den Unterricht geduldig über dich ergehen lässt. Du, die du dich vor fremden Menschen fürchtest und nichts lieber tust, als mit deiner besten Freundin, die dich schon ziemlich bald im Stich lassen wird, zu schwätzen, über Jungs. Wie doof einige von ihnen sind und wie süß wiederum andere sind. Die Ausnahmen, natürlich.
Ich weiß nicht, wie du dir deine Zukunft vorstellst, denn du denkst noch gar nicht daran. Du hast noch so viel Zeit und du verschwendest keinen einzige Gedanken. Du denkst nur, wenn du volljährig bist, kannst du tun und lassen, was du willst.
Wie gerne würde ich dir sagen, dass das nicht stimmt. Zumindest nicht ganz so, wie du es dir ausmalst.

Ach, könntest du mich doch sehen. In deiner Phantasie gefangen, um dich vor den unangenehmen Dingen des Lebens zu verstecken, doch nicht phantasievoll genug, um das Versteck lange aufrecht zu erhalten. Du naives, schüchternes Mädchen, du unglückliches Ding, die du dich gerne hinter deinen Büchern verbirgst. Du verbringst die Zeit gerne allein und du bist auch fähig dazu.

Und wenn alle gehen, dann bleibst du einsam zurück und fühlst dich, als hätte die Welt aufgehört, sich zu drehen, weil du denkst, du hättest den Herzschmerz erfunden. Aber das hast du nicht.

Ich würde dir gerne sagen, dass alles einmal ein Ende haben wird und auch du wieder lachen können wirst, doch ich bin so weit weg von dir. Ich wünschte, es gäbe jemanden anderen in deinem Leben, der dir das sagen könnte, doch so jemanden hast du nicht.

Ich sehe dich vor mir, wie du in strömendem Regen nach Hause kommst und dich weinend in deinem Zimmer verkriechst, weil du wohl den schlimmsten Tag in deinem kurzen, 13jährigen Leben hinter dir hast.
Wie viel musst du noch lernen, wie viel wird noch auf dich zukommen! Du weinst wegen Nichtigkeiten.
In der Schule bist du unbeliebt, doch zumindest wirst du nicht mehr schikaniert. Sie ignorieren dich, das ist besser, nur ab und zu stichelt noch jemand. Du lässt es über dich ergehen. Weißt nie, was du sagen sollst, denn gegen die scheint kein Wort stark genug zu sein.
Du verlierst den Glauben an Worte.
Du bist so unsicher und unglücklich, dass es fast schon weh tut.

Ich wünschte ich wäre bei dir. Könnte dir Beistand leisten. Ich denke manchmal, dass dein schwacher Charakter das nicht lange aushalten kann, doch ich werde jedes Mal eines Besseren belehrt. Du hältst das alles aus.
Freunde gehen, aber sie kommen nicht und auch nicht wieder. Es gehen noch mehr... alles stürzt in sich zusammen, du schließt die Augen, die Welt dreht sich nicht.
Du denkst, das ist das Schlimmste, was dir passieren könnte. Du liegst falsch.
Es gibt andere in deinem Leben, aber du hältst Abstand. Das Loch im Herzen ist groß, will nicht verheilen. In der Schule läuft es schlecht. Du hast keine Motivation mehr, du lebst nur so vor dich hin. Für wen lohnt es sich schon, zu leben? Es ist niemand da... deine Familie geht dir auf die Nerven, denn du gehst ihnen auf die Nerven, du lachst selten, du hast keine Freude, du bist gefühlstaub, bist wie tot.

Gerne würde ich dir sagen, dass alles besser wird. Bald schon, bald! Versprochen. Doch ich kann es nicht, denn du bist so, so weit weg. Jahre weit weg.
Ich würde dir gerne versichern, dass du Vertrauen fassen wirst, wieder lebendig wirst, glücklich.
Ja glücklich, hörst du mich? Du hörst mich nicht... du wanderst immer noch geistesabwesend hin und her, zur Schule und zurück und sonst nirgendwohin. Deinen Kopf hältst du gesenkt, du weißt nicht mal, wie sich Glücklich-sein anfühlt. Du schusterst dir deine eigene Welt zusammen, mit eigenen Moralvorstellungen, du hast schon lange nicht mehr geschrieben. Früher hast du das gern gemacht. Doch dein Herz ist gebrochen und du hast die Stifte beiseite gelegt. Worte sind machtlos. Ich wünschte, du hättest das nicht getan.

Du kleines, unglückliches, naives Mädchen! Ich wünschte, du könntest mich jetzt sehen. Könntest in die Zukunft schauen.
Sieh mich an... so glücklich wirst du eins sein, so unglaublich zufrieden mit dir selbst und der Welt, so unabhängig. So unfassbar gute Freunde wirst du einst haben, die für dich durch's Feuer gehen und dasselbe würdest du auch für sie tun. Dein Herz wird noch viele Male brechen, doch du hast gelernt, du lässt es nicht mehr zu, dass die Welt stehen bleibt. Du weißt: wer geht, der war nie wirklich da. Du wirst gehen lassen. Und du wirst gehen lassen können.
Du wärst so stolz auf dich, wenn du wüsstest, was du alles bist, was du alles tust und was du alles kannst!

Ich wünschte, du könntest mich sehen: In einer fremden Stadt, in einer eigenen Wohnung, Tränen kenne ich nicht - und wenn, dann sehr selten. Auf dem Weg an die Spitze der Bildungskarriere. Weißt du, wie viele Bücher ich schon gelesen habe? Ich weiß, wenn du wüsstest, was für welche, dann würden deine Augen vor Bewunderung funkeln. Du würdest es fast nicht glauben.
Die Sonne scheint zwar nicht immer, aber immer lacht sie auf mich herab. Das Herz ist heil, ich habe ein Lächeln im Gesicht, das Leben ist schön. Wundervoll, magisch! Ich liebe es, ich will es nicht missen.
Wenn ich dir erzählen würde von dem unstillbaren Wissensdurst und all den Sachen, die ich schon weißt... du wärst ganz schön beeindruckt. Von den Sachen, die in meinem Kopf herumspuken, wenn ich nichts sage - das würdest du auch haben wollen.
Ich habe Glück - und ich halte es fest.

Ich dachte, dein schwacher Charakter könnte nicht viel aushalten, doch du hast mir das Gegenteil bewiesen. Du hast überlebt, dein Herz hat weitergeschlagen, du hast dich durchgekämpft, du bist gewachsen. An deinen Aufgaben, am Leben.
Du hast bewiesen, dass ich dich falsch eingeschätzt habe. Du hast dich aus dem schwarzen Loch heraufgeholt, dich am Kragen gepackt und alles ertragen, indem du nur ein- und wieder ausgeatmet hast. Du hast mich überrascht, mich überzeugt.
Du hast nach dem Glück Ausschau gehalten.

Ich bin stolz auf dich.
Und du wärst stolz auf mich.



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